Forum > Orthodoxes Judentum
Das Böse (Unde Malum)
freily:
Beitrag von esther am So 6. Aug 2006, 13:23
Im Bezug auf das Böse, muss man von der Dualititäts-Theorie absehen. Es gibt keinen Gegensatz von G-tt zum Bösen. Dies würde die Allmacht G-ttes einschränken. Diese ausgleichende Kraft als Gegensatz existiert nicht. Zumindest nicht in der jüdischer Tradition.
Betrachtet man G-tt als unbeweglich, alles umfassend, dann wird klar, dass er einer Null-Dimensionalität entstammt.
Diese Unbeweglichkeit ist der Grund für unser Bestehen. (G-tt ist mein Fels!) Wir sind in Bewegung so lange wir leben Daher unsere eingeschränkte Möglichkeit des Erfassens von G-tt und den übergeordneten Dingen.
Wir sind nur zeitliche Wesen. Die Bewegung ist Zeit. Zeit ist die Möglichkeit für Böses. Nur in der Zeit kann Böses bestehen. So lange wir leben, haben wir die Wahl gutes oder böses zu tun. Ist doch die Selbstbestimmtheit des Menschen nur durch die Erschaffung des Bösen überhaupt möglich.
Aus diesem Grunde erwarten wir Juden das messianische Zeitalter. Jenem Punkt in dem keine Zeit, kein Hunger, kein Leid, kein Hass, nichts mehr besteht. Dort ruht der Pol wieder in seiner Mitte.
Den Versuch, die Mitte zu finden, streben wir als auch östliche Philosophen und Mystiker an.
Dieses Ruhen in der Mitte des Seins ist evtl. auch ein Weg zur Erleuchtung?
Es wird der Zeitpunkt kommen, wo wir nicht mehr Sein werden, dann werden wir G-tt ähnlicher als alle Tage im Chajim, wo wir uns vorbereitet haben.
Aisha:
Bin begeistert wie schön die Esther dies erklärt hat. :)
schalom
Aisha
tricky:
Hallo zusammen!
Eigentlich wollte ich ein neues Thema eröffnen, aber da ich sehe, dass hier schon "das Böse" angesprochen wird, möchte ich meine Fragen zum jüdischen Verständnis vom personifizierten Bösen stellen. Aus christlicher Sicht ist der Widersacher (Satan, der Diabolos - der Durcheinanderwerfer) der Feind Gottes, der die Menschen (nicht gegen deren Willen!) verführt und alles vernichten will. <-- Überblicksmäßig.
Aus jüdischer Sicht habe ich schon mal mit jemandem gesprochen, der ein differenziertes Bild von Satan hat. Ich möchte daher nochmal nachfragen, wie das hier im Forum verstanden wird. Anhand der folgenden Beispiele aus dem AT möchte ich aufzeigen, dass der Widersacher existiert:
Hiob Vorsprache des Satan bei Gott - Hiobs Bewährung nach Verlust von Vieh, Knechten, Söhnen und Töchtern.
1/6 Und es geschah eines Tages, da kamen die Söhne Gottes, um sich vor dem HERRN einzufinden. Und auch der Satan kam in ihrer Mitte. 1/7 Und der HERR sprach zum Satan: Woher kommst du? Und der Satan antwortete dem HERRN und sagte: Vom Durchstreifen der Erde und vom Umherwandern auf ihr. 1/8 Und der HERR sprach zum Satan: Hast du acht gehabt auf meinen Knecht Hiob? Denn es gibt keinen wie ihn auf Erden - ein Mann, so rechtschaffen und redlich, der Gott fürchtet und das Böse meidet! 1/9 Und der Satan antwortete dem HERRN und sagte: Ist Hiob [etwa] umsonst so gottesfürchtig? 1/10 Hast du selbst nicht ihn und sein Haus und alles, was er hat, rings umhegt? Das Werk seiner Hände hast du gesegnet, und sein Besitz hat sich im Land ausgebreitet. 1/11 Strecke jedoch nur einmal deine Hand aus und taste alles an, was er hat, ob er dir nicht ins Angesicht flucht! 1/12 Da sprach der HERR zum Satan: Siehe, alles, was er hat, ist in deiner Hand. Nur gegen ihn [selbst] strecke deine Hand nicht aus! Und der Satan ging vom Angesicht des HERRN fort.
Hesekiel 28/11 Und das Wort des HERRN geschah zu mir so: 28/12 Menschensohn, erhebe ein Klagelied über den König von Tyrus und sage ihm: So spricht der Herr, HERR: Du warst das vollendete Siegel, voller Weisheit und vollkommen an Schönheit, 28/13 du warst in Eden, dem Garten Gottes; aus Edelsteinen jeder [Art] war deine Decke: Karneol, Topas und Jaspis, Türkis, Onyx und Jade, Saphir, Rubin und Smaragd; und Arbeit in Gold waren deine Ohrringe und deine Perlen an dir; am Tag, als du geschaffen wurdest, wurden sie bereitet. 28/14 Du warst ein mit ausgebreiteten [Flügeln] schirmender Cherub, und ich hatte dich [dazu] gemacht; du warst auf Gottes heiligem Berg, mitten unter feurigen Steinen gingst du einher. 28/15 Vollkommen warst du in deinen Wegen von dem Tag an, als du geschaffen wurdest, bis sich Unrecht an dir fand. 28/16 Durch die Menge deines Handels fülltest du dein Inneres mit Gewalttat und sündigtest. Und ich verstieß dich vom Berg Gottes und trieb dich ins Verderben, du schirmender Cherub, aus der Mitte der feurigen Steine. 28/17 Dein Herz wollte hoch hinaus wegen deiner Schönheit, du hast deine Weisheit zunichte gemacht um deines Glanzes willen. Ich habe dich zu Boden geworfen, habe dich vor Königen dahingegeben, damit sie ihre Lust an dir sehen. 28/18 Durch die Menge deiner Sünden, in der Unredlichkeit deines Handels, hast du deine Heiligtümer entweiht. Darum habe ich aus deiner Mitte ein Feuer ausgehen lassen, das hat dich verzehrt, und ich habe dich zu Asche auf der Erde gemacht vor den Augen aller, die dich sehen. 28/19 Alle, die dich kennen unter den Völkern, entsetzen sich über dich; ein Schrecken bist du geworden und bist dahin auf ewig!
1 CHR 21/1 Und Satan stellte sich gegen Israel und reizte David, Israel zu zählen. 21/2 Und David sagte zu Joab und zu den Obersten des Volkes: Geht hin, zählt Israel von Beerscheba bis Dan und bringt mir [Bericht], damit ich ihre Zahl kenne! 21/3 Und Joab sagte: Der HERR möge zu seinem Volk, soviele sie sein mögen, hundertmal [mehr] hinzufügen! Sind sie nicht alle, mein Herr und König, die Knechte meines Herrn? Warum verlangt mein Herr das? Warum soll es Israel zur Schuld werden? 21/4 Aber das Wort des Königs blieb fest gegen Joab. So zog Joab aus und zog durch ganz Israel und kam nach Jerusalem [zurück]. 21/5 Und Joab gab David das Ergebnis der Volkszählung an. Und zwar gab es in ganz Israel 1 110 000 Mann, die das Schwert zogen, und in Juda 470 000 Mann, die das Schwert zogen. 21/6 Levi aber und Benjamin musterte er nicht mit ihnen; denn das Wort des Königs war Joab ein Greuel.
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Der erste und der zweite Bericht sprechen konkret von Satan. Im Klagelied über Tyrus wird eine Beschreibung abgeliefert, die von vielen als Doppelbedeutung (einerseits über den historischen König von Tyrus, andererseits über Satan) gesehen wird.
Jetzt meine Fragen:
Welche Rolle spielt Satan im jüdischen Verständnis?
Woher kommt das Böse, das die Menschen sich gegenseitig und Gott antun?
Welche Lösung gibt es für das Böse, auch das personifizierte Böse (sofern es überhaupt so verstanden wird!)?
viele Grüße
Tricky
Aisha:
Schalom Tricky,
bevor wir dies erörtern, muss ich zuerst einige klärende Informationen von dir einholen:
Was meinst du konkret mit "personifiziertes Böses".
Diesen Ausdruck verstehe ich nicht. Denn klarerweise kann uns das "Böse" in Form von Personen begegnen.
Meinst du damit negative Eigenschaften, die Personen (Menschen, Engelwesen, Dämonen) anhaften ?
Oder meinst du mit "personifiziertem Bösen" eine Gottheit , die dem Schöpfer , der vollommen gut ist, als Gegenpart gegenüber steht,
wie der Pluspol dem Minuspol?
Grüße
Aisha
tricky:
Schalom Aisha!
Mit personifiziertem Bösen meine ich eine Person. Eine konkrete Person, die als Ankläger Gottes und Ankläger der Menschen auftritt. Keine Gottheit, aber ein sehr mächtiges Geschöpf, wie beispielsweise (so man es so verstehen möchte) im angesprochenen Hesekieltext beschrieben wird:
Hes 28/14 Du warst ein mit ausgebreiteten [Flügeln] schirmender Cherub, und ich hatte dich [dazu] gemacht; du warst auf Gottes heiligem Berg, mitten unter feurigen Steinen gingst du einher. 28/15 Vollkommen warst du in deinen Wegen von dem Tag an, als du geschaffen wurdest, bis sich Unrecht an dir fand.
Gottes oberstes Prinzip, das Prinzip der Liebe, lässt seinen Geschöpfen immer die Freiheit. Diese Freiheit beinhaltet auch die Möglichkeit sich gegen den Schöpfer zu entscheiden.
Mich hätte zu dieser Thematik die persönliche Sicht von jedem, der sie (vor allem aus jüdischer Sichtweise) beschreiben möchte.
viele Grüße
Tricky
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